Noch oder Doch besser als Plagiate

Als Plagiat bezeichne ich die Differenz zwischen einem „Copy and Paste“, bei welchem ich vergesse, die Quelle mit zu pasten, und einem „Copy and Paste“, bei welchem ich die Quelle nicht kenne. Aber wie kann ich kopieren, wenn ich die Quelle nicht vor mir habe? Natürlich aus dem Gedächtnis. Und in meinem Gedächtnis gibt es ein paar Lücken, so dass ich bei vielem nicht mehr weiss, woher ich es habe.

Aber viel raffinierter scheint mir das Plagieren im umgekehrten Sinn. Ich lese beispielsweise in einer Sekundärliteatur einer Sekundärliteratur einer Sekundärliteratur … ein Zitat. Sagen wir von „einem Unterschied der einen Unterschied macht“. Und weil sich alle Zitierer vor mir so wie ich verhalten, steht beim Zitat immer noch die ursprüngliche Quelle, im Beispiel also G. Bateson, Geist und Natur, 1987/1995, 126f. oder so. Ich paste also diese Quelle mit, obwohl ich sie nie gesehen habe. Dieses Plagieren plagiert damit, ein Buch gelesen zu haben, ohne es je gesehen zu haben. Dieses Plagieren ist ein bisschen legal: Gib lieber eine Quelle an, die Du nicht kennst, als keine Quelle. Ganz legal ist es eigentlich nicht, aber wenn immer alle richtig zitiert haben, macht es ja keinen Unterschied. Es sei denn, mein Leser würde etwas merken – etwa, dass ich die Sache offensichtlich ausgerechnet so verstanden habe, wie sie in einer einschlägigen Sekundärliteratur dargestellt wird. Na ja.

Und dann gibt es noch eine Variante: Ich finde in der Sekundärliteratur Postulate, die so evident und bekannt sind, dass ich sie nicht zitieren muss weil sie sozusagen Allgemeingut geworden sind. Sie bieten mir Gelegenheit noch ein paar unspezifische Literaturangaben zu machen wie etwa N. Luhmann 1999, Gesellschaft der Gesellschaft, weil dort wie bei anderen Extremvielschreiber jede Idee irgendwie zu finden ist. Gut, dieses Buch habe ich natürlich auch nicht gelesen, aber in der Sekundärliteratur habe ich schon oft gelesen, was ich dort alles lesen könnte. Im hinreichend unspzifischen Formulieren kann ich also ohne weiteres etwas mit grossen Werken plagieren. Das ist nicht ganz legal, aber .. na ja.

Und wenn hinreichend viele Autoren einander Gemeinplätze abschreiben und unspezifische Quellen mitführen, wird die Sache immer zitierfähiger. Man kann heutzutage beispielsweise ohne weiteres von einem Paradigmenwechsel in der Systemtheorie berichten und auf N. Luhmann verweisen – ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, worin dieser Paradigmenwechesel bestehen könnte oder inwiefern es sich wobei auch immer überhaupt um Paradigmen handeln könnte. Man kann mit grossen Konzepten plagieren und das ist fast ganz legal.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: