Warum nicht mal ein Neger?

Titanich fragt heute:

Spontan wüsste ich nicht, was gegen Neger spricht, aber die NZZ von heute weiss es recht genau:

Wer in Afrika eine bestimmte Adresse sucht, muss viele
Hindernisse überwinden. «Das findest du einfach – zehn Zinuten zu Fuss und um die Ecke», sagt Charity, die im sambischen Städtchen Mpulungu am Tanganjikasee ein Gästehaus betreibt. Die Anfrage betraf ein etabliertes mittelgrosses Fischereiunternehmen.

Weder der gesuchte Betrieb noch eine Ecke sind nach ehn, fünfzehn oder dreissig Minuten Fussmarsch auszumachen. Entlang des Wegs halten hilfreiche Geister nicht mit gutem Rat zurück, aber auch ihre Angaben führen jeweils in die Irre. Das gilt selbst für den Personalchef der lokalen Schulbehörde, dessen Büro im Quartier liegt.

Afrikanern fällt es oft schwer zu abstrahieren, und was anderes als eine Abstraktion ist eine Wegbeschreibung? Charity würde den Fischereibetrieb im Schlaf finden, aber sie kann den Weg dorthin nicht beschreiben. Erst recht sollte man sie nicht um eine Wegskizze bitten. Afrikaner benötigen freilich selber nie Wegbeschreibungen. Kommen sie als Fremde in eine Gegend, zum Beispiel auf der Suche nach einem Verwandten, gibt man ihnen einen Ortskundigen zum Geleit. Kinder, die dies können, sind immer und überall zur Hand.

Anders als Charity haben die hilfsbereiten Passanten am Weg keine Ahnung von dem Fischereibetrieb. Wieso sagen sie das nicht? Eine Erklärung bietet die Scheu, das Gesicht zu verlieren – dies würde tun, wer dem Fremden die Bitte um Ratschlag abweist. Ausserdem ziehen Afrikaner die unmittelbare Befriedigung der aufgesparten Zufriedenheit meistens vor. Hier und jetzt weisen sie dem nichtsahnenden Besucher gerne die Richtung. Dessen Gesicht hellt sich auf; er ist dankbar. An seine spätere Enttäuschung denken sie nicht. Wenn er zurückkehrt, sind sie ohnehin über alle Berge.

Bleibt der Personalchef. Als sich zeigt, dass sein Rat wertlos ist, erklärt er, er kenne den Fischereibetrieb nicht. Wohnt er nicht seit vielen Jahren in dem Quartier? Doch, antwortet er, aber Fischerei sei nicht sein Ressort. Neugier um der Neugier willen ist ihm – und vielen Afrikanern – unbekannt. (NNZ, 18.2.2012, S.2)

Eine Antwort to “Warum nicht mal ein Neger?”

  1. Verallgemeinerung und Abstraktion | Dialog Says:

    […] beobachtet wird. In extremeren Fällen wird sogar die Kommunikation abgewehrt. Das Wort “Neger” beispielsweise steht für eine Zurechnung, die kein Mensch mehr auf sich bezogen mag. Diese […]

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